WegZeichen und Begegnungen

2026.08.16

Die Partnerschaft zwischen Pilisszentiván und Marktleugast nimmt in der Geschichte der kommunalen Partnerschaften Ungarns einen besonderen Platz ein. Pilisszentiván war die erste ungarische Gemeinde, die eine offizielle Partnerschaft mit einer Gemeinde in der damaligen Bundesrepublik Deutschland einging. Der Partnerschaftsvertrag wurde am 21. Oktober 1988 unterzeichnet.

All das geschah noch zu Zeiten des Eisernen Vorhangs. Eine wichtige Rolle bei der Annäherung der beiden Gemeinden spielte auch die Tatsache, dass mehrere Familien, die 1944 aus Pilisszentiván geflohen waren, in Marktleugast und Umgebung eine neue Heimat gefunden hatten.

Für uns junge Menschen aus Pilisszentiván war damals jedoch vielleicht gar nicht die politische oder historische Bedeutung dieser Partnerschaft das Wichtigste.

Sondern vielmehr die Tatsache, dass sich plötzlich die Welt vor uns öffnete.

1989 kam ich zum ersten Mal nach Marktleugast und verbrachte später als junges Mädchen immer wieder längere Zeit dort. Familien nahmen mich bei sich auf, ich konnte arbeiten, lernen, die deutsche Sprache im Alltag leben und Freundschaften schließen. Ich durfte erfahren, wie es ist, in einem anderen Land nicht als Touristin zu Gast zu sein, sondern für eine Zeit wirklich Teil einer Gemeinschaft zu werden.

Ich liebte diese Welt und hatte selbst so viel durch sie bekommen, dass ich einige Jahre später auch meine ehemalige Grundschulklassenkameradin Erika Breier dazu ermutigte, nach Marktleugast zu gehen.

Auch sie verbrachte dort viele Monate.

Seitdem sind viele Jahre vergangen.

Erika lebt seit Jahrzehnten in Brüssel und erzieht ihre vier Töchter mehrsprachig. Auch mich hat das Leben weit von Pilisszentiván weggeführt. Doch wohin es uns auch verschlagen hat – wir haben beide etwas von dem bewahrt, was uns diese beiden Gemeinden damals mitgegeben haben.

Die Liebe zu Sprachen.

Die Neugier auf andere Kulturen.

Unsere Verbindungen zu Menschen.

Und die Selbstverständlichkeit, dass man sich mehreren Orten verbunden fühlen und trotzdem ganz genau wissen kann, woher man kommt.

Umso überraschter waren wir Beide, als wir  feststellten, dass wir – völlig unabhängig voneinander – heute wieder nach demselben suchen. Wir erforschen die fast dreihundert Jahre zurückreichenden deutschen Wurzeln unserer Familien und waren beinahe zur gleichen Zeit in jenen Orten rund um den Schwarzwald unterwegs, von denen sich unsere Vorfahren einst auf den Weg nach Ungarn machten.

Mehr als dreißig Jahre nachdem Marktleugast uns die Tür nach Deutschland geöffnet hatte, suchen wir heute dort auch nach der Antwort auf die Frage, wo die Geschichte unserer eigenen Familien einst begann.

Und bei all diesen Verbindungen gibt es einen Menschen, dem wir besonders viel zu verdanken haben.

Manfred Huhs.

Für ihn war die Partnerschaft mit der Unterzeichnung eines Vertrages niemals beendet.

Gemeinsam mit seiner Frau Hannelore kümmerte er sich beinahe wie ein Vater und sie wie eine Mutter um die jungen Menschen aus Pilisszentiván. Sie halfen uns, vermittelten Familien, Arbeit und Kontakte, öffneten uns ihr eigenes Zuhause – und interessierten sich wirklich dafür, was einmal aus uns werden würde.

Und auch Jahrzehnte später hütet Manfred diese Verbindung noch immer mit derselben Herzlichkeit.

Wenn ich heute in Deutschland unterwegs bin, ist Marktleugast für mich noch immer eine beinahe unverzichtbare Station. Ich melde mich bei ihnen, treffe alte Freunde, wir sitzen zusammen und erzählen – und manchmal fühlt es sich tatsächlich so an, als wäre die Zeit stehen geblieben.

Es ist schön zu sehen, dass Manfred auch heute noch jenen Faden in den Händen hält, den er 1988 zwischen zwei Gemeinden mitgespannt hat.

Vielleicht hat mich deshalb jener Moment so sehr berührt, den wir vor Kurzem bei der Vorführung eines schwäbischen Dokumentarfilms in Pilisszentiván erleben durften.

Manfred war da. Erika war da. Und ich war da.

Plötzlich holte Erika ein kleines Büchlein aus ihrer Tasche, das sie 1995 bekommen hatte:

Begegnungen.

Ich sah es an – und musste sofort an meines denken, das ich seit 1990 aufbewahre:

WegZeichen.

Beide hatten wir sie von demselben Menschen bekommen: von Manfred Huhs.

Mir kamen die Tränen.

Denn plötzlich begriff ich, dass diese beiden Titel eigentlich alles sagen.

WegZeichen und Begegnungen.

Genau das haben wir durch diese Partnerschaft bekommen.

Menschen, die uns Wege gezeigt haben. Begegnungen, aus denen Freundschaften entstanden sind. Eine Sprache, die kein Schulfach blieb, sondern Teil unseres Lebens wurde. Und ein anderes Land, mit dem uns bis heute persönliche Erinnerungen und menschliche Beziehungen verbinden.

Und vieles von dem, was wir damals bekommen haben, geben wir heute weiter.

Erika an ihre vier Töchter.

Ich an meine eigenen Kinder, in meinen Geschichten, in meiner Arbeit und – wie wunderbar sich manchmal Kreise schließen – auch auf meiner Plattform WegZeichen.

Vielleicht zeigt gerade das, warum es sich lohnt, eine Partnerschaft zwischen zwei Gemeinden zu begründen und sie über Jahrzehnte hinweg mit Herz und Leben zu füllen.

Nicht nur wegen eines Vertrages.

Sondern wegen all dessen, was danach mit den Menschen geschieht.

Wegen eines jungen Menschen, der eine andere Sprache lernt.

Wegen einer Familie, die einem Fremden ihre Tür öffnet.

Wegen einer Begegnung, aus der eine lebenslange Verbindung entsteht.

Und weil das, was eine Generation bekommen hat, irgendwann an die nächste weitergegeben werden kann.

Danke, lieber Manfred und liebe Hannelore.

Und danke an all jene Menschen in Pilisszentiván und Marktleugast, die seit 1988 so viel dafür getan haben – und bis heute dafür sorgen –, dass diese besondere Verbindung lebendig bleibt.

Denn die Geschichte dessen, was Ihr damals begonnen habt, wird noch immer weitergeschrieben.

In uns. Und längst auch in den nächsten Generationen.

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